Das Mädchen und der gefesselte Drache

Der Burghof lag unter einem grauen, eisigen Himmel. Schnee bedeckte die fernen Berge, während dichter Schlamm den Boden der gewaltigen mittelalterlichen Festung überzog. Überall standen bewaffnete Soldaten und Ritter, manche zu Fuß, andere auf ihren Pferden. Fackeln brannten im kalten Wind und warfen flackernde Schatten auf die alten Steinmauern. Doch niemand beachtete die Kälte. Alle Augen waren auf das gewaltige Wesen in der Mitte des Hofes gerichtet.

Ein riesiger Drache war mit schweren Eisenketten an mächtigen Steinpfeilern festgebunden. Das Tier kämpfte verzweifelt gegen seine Fesseln. Es schlug mit seinen gewaltigen Flügeln, riss den Kopf zurück und stieß ein Brüllen aus, das den gesamten Burghof erzittern ließ. Die Ketten spannten sich unter der Kraft des Drachen, während die Soldaten ihre Waffen erhoben und versuchten, nicht zurückzuweichen.

Dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Eine junge Frau mit langen, hellblonden, kunstvoll geflochtenen Haaren drängte sich durch die Reihen der Soldaten. Sie trug einen einfachen grauen Wollumhang und schien die Gefahr vollkommen zu ignorieren. Mehrere Männer versuchten, sie zurückzuhalten, doch sie ging weiter. Schritt für Schritt näherte sie sich dem tobenden Drachen.

Die Soldaten erwarteten, dass das Tier sie angreifen würde.

Doch als die junge Frau vor ihm stand, geschah genau das Gegenteil.

Der Drache senkte langsam seinen gewaltigen Kopf. Seine glühenden Augen fixierten die junge Frau, während er vorsichtig ihren Geruch aufnahm. Sie wich nicht zurück. Stattdessen kniete sie mitten im Schlamm nieder und streckte langsam ihre Hand aus.

Ihre Finger berührten vorsichtig die Schnauze des Drachen.

Plötzlich verstummte das Brüllen.

Die gewaltigen Muskeln des Tieres entspannten sich. Die Flügel, die eben noch wild gegen die Luft geschlagen hatten, wurden langsam ruhiger. Die Soldaten starrten ungläubig auf das Schauspiel. Einer nach dem anderen senkte seine Waffe.

Es war, als würden die beiden einander bereits kennen.

Die junge Frau stand auf und legte ihre Hand erneut auf die Schnauze des Drachen. Dann kniete sie sich wieder hin und legte beide Hände auf sein Gesicht. In diesem Augenblick begann eine geheimnisvolle Energie durch ihren Körper zu fließen.

Violettes Licht brach aus ihren Händen hervor.

Es sah aus wie lebendige Blitze, die über die Schuppen des Drachen liefen. Gleichzeitig begannen die schweren Eisenketten orange zu glühen. Die Hitze nahm immer weiter zu, bis das Metall beinahe weiß wurde.

Die junge Frau konzentrierte sich mit aller Kraft. Der Wind peitschte durch den Burghof, ihre Haare flogen durch die Luft und die Soldaten wichen erschrocken zurück.

Dann zerbrachen die Ketten.

Mit einem gewaltigen Knall explodierten die glühenden Fesseln und schleuderten geschmolzene Metallstücke über den Boden. Der Drache war frei.

Für einen Moment herrschte absolute Stille.

Dann richtete sich das gewaltige Tier auf, breitete seine riesigen Flügel aus und stieß einen triumphierenden Brülllaut in den Himmel. Ein orangefarbenes Leuchten begann tief in seinem Rachen zu glühen, als würde sich dort Feuer sammeln.

Doch die junge Frau wich keinen Schritt zurück.

Der Drache senkte schließlich seinen Kopf zu ihr. Seine Augen ruhten auf ihr, diesmal nicht voller Wut, sondern voller Anerkennung.

Die Soldaten hatten versucht, das Wesen mit Waffen und Eisen zu beherrschen.

Sie hatte es mit Vertrauen befreit.

Und in diesem Moment begriffen alle im Burghof, dass sie nicht einfach einen Drachen befreit hatte.

Sie hatte einen Verbündeten gewonnen.

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