Der Burghof lag unter einem grauen, regnerischen Himmel. Nasser Schlamm bedeckte die alten Steine, während zwei Reihen schwer bewaffneter Soldaten einen schmalen Weg bildeten. Am anderen Ende des Hofes stand ein massiver eiserner Käfig. Darin kauerte ein gewaltiger silberner Drache, dessen Schuppen im trüben Licht wie dunkle Gewitterwolken wirkten. Seine eisblauen Augen beobachteten jeden Menschen, der sich ihm näherte.
Dann erschien ein junges Mädchen im grünen Wollumhang. Mit ihren geflochtenen blonden Haaren und den entschlossenen blauen Augen wirkte sie zwischen den bewaffneten Soldaten beinahe verloren. Trotzdem ging sie langsam durch die Reihen. Ihre Stiefel versanken bei jedem Schritt im Schlamm, doch sie blieb nicht stehen. Die Soldaten beobachteten sie angespannt, als sie direkt auf den Käfig zuging.
Vor den Eisenstäben blieb sie stehen. Der Drache hob langsam den Kopf und richtete seinen Blick auf sie. Für einen Moment schien niemand zu atmen. Das Mädchen hob vorsichtig die Hand und legte sie gegen die kalten Gitterstäbe. Der Drache stieß einen leisen Atemzug aus und näherte seine gewaltige Schnauze ihrer Hand.
Statt Angst zu zeigen, blieb das Mädchen ruhig. Dann wanderte ihre Hand zu dem schweren Schloss, das die Käfigtür verschlossen hielt. Mit einer entschlossenen Bewegung öffnete sie es. Das Schloss fiel mit einem lauten Klirren zu Boden.
Die Soldaten wurden nervös. Einige umfassten ihre Speere fester, doch niemand wagte es, einzugreifen.
Langsam öffnete sich die Käfigtür.
Der silberne Drache trat hinaus.
Er war noch viel größer, als er im engen Käfig gewirkt hatte. Schlamm spritzte von seinen mächtigen Krallen, als er sich erhob und seine gewaltige Gestalt über den Hof erstreckte. Die Soldaten wichen unwillkürlich zurück.
Doch das Mädchen blieb stehen.
Der Drache senkte seinen riesigen Kopf, bis seine eisblauen Augen direkt auf die ihren trafen. Dann näherte er sich langsam und berührte sie vorsichtig mit seiner Schnauze.
Das Mädchen lächelte.
Ohne zu zögern, legte sie ihre Arme um den mächtigen Hals des Drachen. Für einen Moment blieb das Wesen vollkommen still. Dann schloss es langsam die Augen und akzeptierte ihre Umarmung.
Als sich das Mädchen wieder umdrehte, stand der Drache direkt hinter ihr. Er breitete seine Flügel ein Stück aus und wurde zu einem gewaltigen, stillen Wächter.
Der Hauptmann der Wache beobachtete die beiden lange.
Dann gab er ein Zeichen.
Wie auf einen einzigen Befehl senkten alle Soldaten ihre Speere. Einer nach dem anderen neigten sie ihre Köpfe.
Nicht vor der Krone.
Nicht vor den Waffen.
Sondern vor dem Mädchen, das niemand ernst genommen hatte, und dem Drachen, den niemand hatte beherrschen können.
Mitten im regennassen Burghof standen die beiden schließlich gemeinsam da.
Das Mädchen hatte den Drachen befreit.
Doch in diesem Augenblick wurde klar, dass auch der Drache sie beschützen würde.