Der Regen hatte den Burghof längst in ein Meer aus Schlamm verwandelt. Zwischen alten Steinmauern und schweren Holzkarren standen Dutzende rostiger Käfige, in denen kleine Drachen gefangen gehalten wurden. Ihre Flügel waren noch nicht vollständig entwickelt, ihre Schuppen vom Dreck bedeckt, und aus ihren Kehlen drangen leise, verzweifelte Laute. Für die Männer der Krone waren sie nichts weiter als Eigentum. Für Lyra waren sie Lebewesen, die Angst hatten.
Das achtjährige Mädchen kniete mitten im Schlamm und hielt eine kleine Holzschale durch die Gitterstäbe eines Käfigs. Ein winziger Drache mit türkisfarbenen Schuppen streckte vorsichtig seinen Kopf heraus und begann zu trinken. Lyra lächelte trotz ihrer schmutzigen Kleidung und der nassen, verfilzten Haare. Für einen kurzen Moment schien die Grausamkeit des Burghofs vergessen. Doch dann hallten schwere Schritte durch den Schlamm.
Ein Ritter in einer von Schmutz bedeckten Rüstung blieb vor ihr stehen. Seine Hand lag bereits auf dem Griff seines Schwertes. Mit kalter Stimme befahl er Lyra, sich von den Tieren fernzuhalten. Diese Drachen gehörten der Krone, sagte er, und ein Mädchen wie sie habe kein Recht, sich um sie zu kümmern. Lyra versuchte ihm zu erklären, dass der kleine Drache einfach nur durstig sei. Doch der Ritter zeigte kein Mitgefühl. Er trat wütend neben ihre Füße und drohte ihr sogar damit, sie selbst in einen Käfig zu sperren.
Lyra kämpfte gegen die Tränen an. Sie hob die Schale auf, stellte sie vorsichtig auf den Boden und stand langsam auf. Der Ritter ging davon, überzeugt davon, dass er das Mädchen eingeschüchtert hatte. Doch Lyra lief nicht weg. Stattdessen begann sie, an den Käfigen entlangzugehen. Einer nach dem anderen folgten die kleinen Drachen ihr mit ihren Augen. Einige drückten ihre Schnauzen gegen die Gitterstäbe, andere bewegten sich nervös hin und her. In ihren Blicken lag etwas, das Lyra nur zu gut verstand: Sie wollten frei sein.
Dann blieb sie vor einem größeren Käfig stehen. Darin saß ein junger Drache mit dunklen, schillernden Schuppen. Lyra streckte vorsichtig ihre Hand durch die Gitterstäbe. Jeder erwartete vielleicht, dass die Kreatur sie angreifen würde. Doch der Drache blieb ruhig. Langsam näherte er seinen Kopf und ließ zu, dass Lyra seine Schnauze berührte. In diesem Augenblick veränderte sich etwas. Ein kaum hörbares, mystisches Summen erfüllte die Luft, während die Augen des Drachen plötzlich intensiv zu leuchten begannen.
Lyra spürte, dass zwischen ihnen etwas entstanden war, das stärker war als die Eisenstäbe und stärker als die Befehle der Krone. Mit leiser Stimme versprach sie ihm, dass sie ihn nicht vergessen würde. Sie würde einen Weg finden, ihn und die anderen zu befreien.
Dann erschütterte ein gewaltiges Brüllen die Burg.
Der Boden begann zu beben. Die Soldaten blickten erschrocken zum Himmel, während die Pferde nervös wurden und die Käfige klirrten. Der Ritter zog sein Schwert und blickte nach oben. Doch seine Waffe begann in seiner Hand zu zittern.
Über der Burg war der Himmel plötzlich schwarz geworden.
Nicht wegen der Wolken.
Wegen der Drachen.
Dutzende gigantische, ausgewachsene Drachen kreisten über den Türmen. Ihre gewaltigen Flügel verdunkelten die Sonne, während ihre Augen auf den Burghof gerichtet waren. Feuer glühte zwischen ihren Zähnen, und jeder ihrer Flügelschläge ließ den Schlamm unter den Füßen der Soldaten erzittern. Die Männer, die sich eben noch für unbesiegbar gehalten hatten, wichen zurück.
Der Ritter ließ schließlich sein Schwert fallen und sank in den Schlamm. Zum ersten Mal begriff er, dass die kleinen Kreaturen in den Käfigen niemals wirklich Eigentum der Krone gewesen waren.
Sie hatten eine Familie.
Und diese Familie war gekommen, um sie zurückzuholen.
Lyra stand währenddessen mitten im Burghof. Der Wind riss an ihrem einfachen grünen Kleid und wehte ihr die Haare aus dem Gesicht. Sie hatte Angst, doch sie wich keinen Schritt zurück. Über ihr gingen die riesigen Drachen zum Sturzflug über. Einer nach dem anderen senkte sich auf die Burg herab, während die gefangenen Jungtiere aufgeregt zu rufen begannen.
Und plötzlich wurde Lyra klar, dass ihre kleine Geste der Freundlichkeit etwas geweckt hatte, das die Herrscher der Burg niemals hätten kontrollieren können.
Sie hatte einem durstigen Drachen Wasser gegeben.
Doch dafür waren die Drachen gekommen, um sie zu beschützen.